1,2,3 und du musst raus
Dies ist eine Geschichte, so alltäglich wie das Brot. Es sei daher erwähnt, sie ist erfunden, erlogen und erstunken.
Alfred Morgennot sieht an diesem Morgen wirklich rot. Der Geschäftsführer eines deutschen Unternehmens, dessen Aktionäre im weit entfernten New York sitzen, befindet sich sozusagen auf einhundertundachtzig.
Seine Vorzimmerdame ist verschwunden, ihr Schreibtisch aufgeräumt und leer. Er geht in sein Büro und ruft sofort Gernot Duckmäuser zu sich.
Gernot stimmt sich bereits auf dem Weg zum Chef auf die bevorstehende Unterredung ein. Sie wird keineswegs in einem angenehmen Klima vonstatten gehen.
Die Tür zum Büro steht offen und hinter dem Schreibtisch kann er den feuerroten Kopf seines Bosses sehen.
- Ja, ja der Bluthochdruck. -
Er betritt den Raum und setzt sich unaufgefordert in einen der Besuchersessel.
Alfred Morgennot starrt ihn grimmig an.
„ Habe ich was von setzen gesagt!“
Gernot zuckt mit den Schultern und bemerkt. „Ich werde das Gespräch aussitzen.“
„Ach ja, fragt sich nur ob sie nach unserer Unterredung hier noch auf der Gehaltsliste stehen.“
Gernot lächelt seinen Boss gütig an. „Ich verstehe nicht so richtig, was sie von mir wollen.“
Morgennot schnaubt wie ein Nilpferd. „Wo ist meine Sekretärin?“ Dabei zeigt er in sein leeres Vorzimmer.
„Im Schreibpool. Wir sind doch dabei die von ihnen geforderten Maßnahmen umzusetzen.“
Morgennot greift in seine Jackentasche und zieht sich eine Packung Tempos hervor. Er entnimmt ein Taschentuch und wischt sich den Schweiß aus seinem Gesicht.
„ Sind sie eigentlich von allen Geistern verlassen. Ich habe ihnen gesagt sie sollen meine Gedanken umsetzen, dabei war keineswegs die Rede von meiner Sekretärin.“
Gernot grinst breit. „ Das steht aber so auf ihrem Plan, Senkung der Kosten durch Einsparung von Personal. Sie werden wohl in Zukunft selber an ihr Telefon gehen müssen. Wir müssen schließlich alle Opfer erbringen, die Umstrukturierung macht nicht vor dem Management halt. Das beginnt beim Kopf und endet bei den Füssen.“
Morgennot starrt entgeistert auf seinen Mitarbeiter.
„Haben sie einen Sprung in der Schüssel! Sie können von mir aus bei den Füssen, so viele feuern wie sie wollen; aber von meinem Büro lassen sie die Finger. Haben sie verstanden, sie Armleuchter!“
Gernot winkt gelassen ab. „Es muss beim Kopf beginnen und nicht bei den Füssen. Im Kopf sitzt doch die Schaltzentrale.“
Morgennot kommt nun endlich in Not. Der Bluthochdruck steigt in ungeahnte Höhen und er beginnt wie alle Choleriker dieser Welt den Kopf zu verlieren, statt mit Argumenten, walzt nun sein Geschrei den Mitarbeiter nieder.
Gernot Duckmäuser lässt den Taifun vorüberziehen und wartet auf weniger stürmische Zeiten, irgendwann muss seinem Gegenüber die Luft ausgehen.
Im Raum hallt noch der Spruch nach. „Und wenn sie nicht schleunigst ihren Arsch bewegen und meine Sekretärin zurückholen, dann fliegen sie hier raus!“
Eine unglaubliche Stille breitet sich aus, lediglich das Schnaufen des Bosses, der sichtlich nach Luft ringt ist zu hören. Seine rechte Hand weist auf einen Berg Papiere auf seinem Tisch.
„Welcher hirnverbrannte Vollidiot ist eigentlich auf die Idee gekommen unseren technischen Kundendienst in fremde Hände zugeben?“
Gernot lächelt freundlich. „Die Unternehmensberater.“
„Und sie haben natürlich nichts besseres zu tun als solch einen Unsinn in die Tat umzusetzen?“
„Darf ich daran erinnern wir hatten ein Meeting und sie haben vehement, entgegen meiner Bedenken, die Umsetzung gefordert.“
Morgennot winkt ab. „Das können sie jetzt so einfach behaupten!“
„Das habe ich schriftlich, steht so im Protokoll.“
„Scheiße! Verdammte Scheiße, das kostet mich meinen Kopf! Ist ihnen das überhaupt klar?“
Gernot schweigt lieber.
„Was steht noch in diesem Protokoll?“
„Das wollen sie jetzt wissen?“
„Beantworten sie gefälligst meine Fragen nicht mit Gegenfragen. Ich höre!“
Duckmäuser spricht dezent jedes wichtige Detail betonend.
„Verlagerung der Programmierung nach Indien, Verlagerung von Teilen der Produktion nach China, Abbau der Belegschaft. Wir betonen, unser Unternehmen benötigt eine schlanke Verwaltung. Wollen sie noch mehr hören?“
Morgennot winkt ab. „ Das Protokoll ist doch sicher noch nicht außer Haus gegangen?“
„Bedauere wir haben es wie besprochen zur Post gegeben. Das dürfte mittlerweile in New York vorliegen.“
Morgennot nimmt das nächste Papiertaschentuch, der Schweiß rinnt jetzt gewaltig über seine Stirn.
„Ich will auf keinen Fall erleben, das New York die Beschwerden unserer Kunden auf den Tisch bekommt. Das wäre ein Alptraum. Wieso können Inder eigentlich kein deutsch? Alle unsere Programmmasken sind jetzt in englisch und unsere deutschen Kunden beschweren sich zu Recht.“
Gernot kann sich ein lautes Lachen nicht verkneifen.
„ Davor hatte ich sie ausdrücklich gewarnt, aber sie haben darauf bestanden. Das ist die Schattenseite der Globalisierung. Die Menschen oder besser gesagt unsere Kunden sehen manches halt doch eher national.“
„Ihre klugen Sprüche können sie sich sparen. Unsere Programmierer sollen ganz schnell neue Bedieneroberflächen in deutscher Sprache gestalten.“
„Welche Programmierer? Sie haben doch alle dem Markt übergeben, oder soll ich sagen der Agentur für Arbeit.“
„Mann, Duckmäuser lassen sie sich schleunigst was einfallen. Beauftragen sie irgend eine Softwareschmiede gegen Rechnung tätig zu werden.“
„Keine Einstellungen?“ „Sind sie übergeschnappt, wir müssen unsere jetzige Personaldecke halten. Wo die Kosten auftauchen interessiert keine Sau, Hauptsache wir erfüllen die von New York vorgegebenen Kriterien.“
„Na, dann Prost Mahlzeit, die Zeche wird bestimmt nicht billig, vor allem wenn sich am Markt unsere Probleme herumgesprochen haben.“
„Statt hier rum zu labbern sollten sie endlich in die Gänge kommen die Zeit drängt. Ihr erster Job aber ist mir meine Sekretärin aus diesem Schreibpool zurückzuholen.“
„Das wird aber keiner Verstehen, vor allem nicht unser Betriebsrat.“
„ Duckmäuser pfeifen sie auf den Betriebsrat, die sind ohne hin nicht die Schnellsten, sonst hätten sie uns aufgehalten, stattdessen haben die diesen ganzen Mist zu verantworten der hier jetzt läuft. Haben sie mich verstanden! An allem was hier schief läuft ist der Betriebsrat Schuld, so erklären wir das New York. Die werden uns schon verstehen. Das ist überhaupt ein genialer Plan, gib die Schuld den Anderen.“
Während Morgennot sich schon am sicheren Ufer wähnt, ruft Gernot die Vorzimmerdame.
Frau Stilleswasser ist hoch erfreut wieder an ihrem Platz zu sitzen. Über dieser großen Freude, platzt ein Telefonat aus New York herein.
Ben Rich, der Präsident des Konzerns, ist in der Leitung. Herr Morgennot ist auf einmal ganz blass.
„Morgennot.“ Am anderen Ende der Leitung legt der Präsident los. Die einzigen Worte von Morgennot sind.
„Danke, Mr. Präsident.“
Freundlich reicht er Gernot Duckmäuser die Hand. „Na Duckmäuser, großer Tag für sie. Sie dürfen dem neuen Vizepräsidenten des Konzerns die Hand schütteln. Ich gehe nach Amerika.“
„Gratuliere und wer wird hier ihr Nachfolger.“
„Nun, der Präsident und ich waren der Meinung sie werden es schon richten. Eines sage ich ihnen aber gleich, sie löffeln meine Suppe ordentlich aus. Ich werde von drüben ganz genau schauen was hier läuft.“
Er nimmt seinen Koffer und verlässt pfeifend den Raum. Frau Stilleswasser und Herr Duckmäuser schauen ihm verwundert nach.
„Verstehst du das Elisabeth?“ Die sagt nur. „Nein! Aber eigentlich erstaunt es mich nicht. Hast du nicht gewusst, wie das mit der Karriere geht. Die Scheiße baden immer die Anderen aus.“
Gernot lässt sich auf dem Stuhl des Bosses nieder und seufzt. „Ich brauche erst einmal einen Kaffee und danach einen Plan wie ich aus dem Schlamassel wieder herauskomme.“
Frau Stilleswasser lächelt ihn freundlich an. „Ich mache uns einen Kaffee und dann hörst du mir einfach Mal zu. Mir hört ja nie jemand zu. Ich habe nämlich eine ganze Menge gute Ideen, wie wir das hier wieder hinkriegen. Du musst mir nur versprechen anständig zu bleiben.“
Gernot schaut sie überrascht an. „Wieso? Ändert der Stuhl daran was?“ Frau Stilleswasser sagt leise. „Ein Mensch mit Anstand bleibt in der Position nur anständig, wenn er nicht vergisst, wo er herkommt. Ich hoffe du verstehst was ich meine.“
Gernot denkt lange darüber nach und als die dampfende Tasse Kaffee vor ihm steht, wird ihm klar.
Er braucht Verbündete, will er nicht mit wehenden Fahnen untergehen.
Herr Morgennot hingegen hat ein anderes Problem, sein Englisch ist nicht gerade das Beste. Ob das, reichen wird sich als Vizepräsident auf Dauer zu halten? Und noch etwas hat er noch nicht erkannt, nach oben wird die Luft immer dünner. Zwischen hire und fire liegt wirklich meist nur ein Zündfunke.
© Bernard Bonvivant
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